Astrologie - Physiognomik - Testmethoden

Von Friedrich Liebling, Zürich

Die Bedeutung der Menschenkenntnis für das Leben des einzelnen wie der Gesamtheit wird kaum in Zweifel gezogen werden können. Gewiß hat jede Art von menschlicher Einsicht einen bestimmten Wert, aber das Verständnis für die seelischen Reaktionen des Mitmenschen erhält seinen besonderen Rang dadurch, daß es unmittelbar unsere Lebensführung beeinflußt. In fast allen Situationen unseres Lebens sind wir darauf angewiesen, andere Menschen zu erkennen und zu verstehen. Die soziale Natur des Menschen bedingt, daß jede seiner Daseinsäußerungen auf Mitmenschen bezogen ist und demgemäß unter der Forderung steht, andere Menschen richtig zu erfassen und zu beurteilen.

Um einen Naturvorgang sinnvoll zu verwerten, muß man in der Lage sein, seine Ursachen und Wirkungen zu begreifen; um ein Werkzeug nützlich anzuwenden, muß man über seinen Gebrauch informiert sein: ähnlich ist es im Umgang mit dem Menschen, wo ein gewisses Maß an Menschenkenntnis vorausgesetzt wird, welches darüber entscheidet, ob mitmenschliche Beziehungen sich günstig oder ungünstig gestalten.

 Genügt Lebenserfahrung?

Eine Prüfung der Menschen im Hinblick auf ihre Menschenkenntnis lehrt uns, daß diese Kunst bei den allermeisten sehr im argen liegt. Dies rührt u. a. daher, daß die Menschenkenntnis eine Disziplin ist, die erst in der jüngsten Vergangenheit eine wissenschaftliche Grundlegung gewann. Früher wurde das Verständnis für den Menschen nie systematisch studiert: die Hauptquelle der Menschenkenntnis war die sogenannte «Lebenserfahrung», woraus der eine oder andere - ohne Zuhilfenahme verbindlicher Theorien - seine Lehren zu ziehen versuchte.

Nun ist die Erfahrung sicherlich ein großer Lehrmeister, aber es ist ebenso kostspielig wie langwierig, alles durch Erfahrungen lernen zu wollen. Die wissenschaftliche Erkenntnis gestattet uns, die Beobachtungen und Einsichten anderer für uns selber zu verwerten; sie kürzt den Prozeß des Lernens erheblich ab, indem sie uns ein Rüstzeug zur Verfügung stellt, welches ein einseitiges Erlebnismaterial in seiner Tragweite richtig abschätzen läßt und einen Überblick über ein Problem in seiner Totalität ermöglicht, den zu gewinnen mitunter die Irrtümer und Erfahrungen eines ganzen Lebens notwendig machen würde.

Lange Zeit war man sich nicht darüber im klaren, daß die Menschenkenntnis erlernt und erworben werden kann. Von jenen einzelnen, denen man ein höheres Verständnis für die Seele der Mitmenschen nachrühmte, glaubte man, ihre Fähigkeit sei angeboren und liege in ihrem Wesen begründet. Heute wissen wir, daß es sich hier nicht um ursprüngliche Begabungen handelt, sondern um Fertigkeiten, die im Laufe des Lebens ausgebildet werden.

Stärkere zwischenmenschliche Verbundenheit ergibt bessere Menschenkenntnis

In psychologischer Hinsicht steht es fest, daß derjenige der bessere Menschenkenner sein wird, der mit den Mitmenschen stärker gefühlsmäßig verbunden ist. Aus den Eindrücken seiner frühen Kindheit erwächst dem Menschen ein bestimmter Grad von mitmenschlicher Verbundenheit, ein Interesse für den anderen, das man als «Gemeinschaftsgefühl» bezeichnen kann. Eine intensivere Ausbildung des Gemeinschaftsgefühls schafft die Grundlage für mannigfaltigere und reichhaltigere soziale Beziehungen und - darauf beruhend - für tieferes Verständnis seelischer Reaktionen, welches in manchen Fällen zu erstaunlicher Vervollkommnung gebracht werden kann.

Jene Berufe, die einen Zwang zur raschen Beurteilung des Menschen mit sich bringen, sind der Entwicklung einer Menschenkenntnis sehr förderlich: Ärzte, Lehrer, Geistliche, Kaufleute u. a. erwerben mitunter aus ihrem alltäglichen Erfahrungsbereich eine Kenntnis des Menschen, die über den Durchschnitt hinausreicht und sich durch ein besonderes, geschultes Einfühlungsvermögen auszeichnet.

Ein bestimmter Typus Mensch macht aus der psychologischen Einfühlung geradezu sein Handwerk, beziehungsweise seine Kunst; der Schauspieler, der auf der Bühne die verschiedenartigsten Menschen verkörpert, wird nur das überzeugend darzustellen vermögen, was er am Menschen intuitiv erfaßt und verstanden hat - und der Dichter schließlich wird in seinen Schilderungen nur dann dem menschlichen Leben nahekommen, wenn er sich durch den Feinsinn des echten Menschenkenners mit allen Fehlern und Vorzügen des Menschen vertraut gemacht hat.

An den großen Werken der Weltliteratur bewundern wir die tiefgründige Kenntnis des Menschenherzens, die den bedeutenden Dramatiker oder Romanschriftsteller kennzeichnet: wie ein solcher Autor den Menschen seiner dichterischen Einbildungskraft leben, handeln, leiden und sterben läßt, wird bestimmt durch sein psychologisches Wissen, das vielleicht gänzlich in der Sphäre der Ahnung verbleibt, aber kraft der lebendigen Einsicht das wahre Wesen des Menschen zur Sprache bringt. Die Meisterwerke der Literatur sind immer auch Quellen der Menschenkenntnis.

Veraltete Theorien und Unwissen über die Natur des Menschen hemmen den wissenschaftlichen Fortschritt

Ein weiterer Grund, der die Förderung der allgemeinen Menschenkenntnis behindert, sind zahlreiche veraltete Theorien, die über das Wesen des Menschen im Umlauf sind. Derartige Auffassungen, die in der Regel uraltem Aberglauben angehören, hemmen den Fortgang der Wissenschaft und werden vor allem in den breiten Volksmassen noch für gültig angesehen, obgleich ihre Widersinnigkeit und Unbegründetheit längstens erwiesen ist.

So z. B. meinen noch zahllose Menschen, mit Hilfe der Sternkonstellation und des darauf basierenden Horoskops eine Kenntnis der menschlichen Seele erlangen zu können. Geschäftstüchtige Astrologen berechnen aus der Stunde der Geburt und dem jeweiligen Stand der Gestirne jene Summe von Eigenschaften, die dem Menschen mitgegeben ist seit «jenem Tag, der ihn der Welt verliehn».

Die realistische Betrachtung muß uns aber sagen, daß die Astrologie im Prinzip auf der Unwissenheit und Selbstüberschätzung des Menschen beruht. Der Glaube an den Einfluß der Sterne auf Charakter, Schicksal und Lebensführung entstammt vorwissenschaftlichen Epochen.

Die Sternbilder sind rein phantasiemäßig benannt worden, und aus diesen willkürlichen Namen (Jungfrau, Krebs, Widder usw.) wird nun symbolisch abgeleitet, was der Mensch von sich und seiner Zukunft zu erwarten hat. Wenn der Befund des Astrologen eintrifft, so geschieht das nur deshalb, weil er so allgemeingültig gehalten ist, daß er immer passen muß.

Seine Entschlüsse und Entscheidungen oder gar die Beurteilung eines Menschen vom Horoskop abhängig zu machen, heißt sich einer törichten Willkür ausliefern, deren Wahrheitsanspruch durch nichts begründet ist.

Das Verlangen des Menschen, in die Zukunft blicken zu können, hat viele törichte Spielarten hervorgebracht

Dasselbe gilt für das sogenannte «Handlinienlesen», das von den weissagenden Zigeunerinnen an andere, ebenso fragwürdige Adepten übergegangen ist, welche sich gelegentlich direkt einen wissenschaftlichen Anstrich geben und dadurch dem Laien imponieren können.

Der Verlauf der Handlinien ist weder für die Wesensart noch für das Schicksal eines Menschen charakteristisch; die närrischen Bezeichnungen, die frühere Epochen den Linien und Erhebungen der Handfläche (Venusberg, Lebenslinie usw.) zugewiesen haben, sagen ebensowenig über den Lebensweg eines Menschen aus wie jene Spielkarten, die zufällig gezogen werden und für den Kundigen den Vorhang zur Zukunft zu öffnen verheißen.

An diesen abergläubischen Praktiken erkennt man lediglich das Verlangen des Menschen, über das ungewisse und ihn ängstigende Künftige Bescheid zu erhalten; dieser Wunsch ist für den primitiven Menschen so groß, daß er die Kritik ausschaltet und mit Magie und Zauberei zu erreichen versucht, was ihm die nüchterne Wissenschaft nicht geben kann: die Zukunft wird dem Menschen immer unbestimmt bleiben; unserer Voraussicht sind enge Grenzen gezogen, und es bleibt uns nichts anderes übrig, dem Unausrechenbar-Zukünftigen gefaßt entgegenzusehen, gemäß der Shakespeareschen Maxime: «Reif sein ist alles!»

Das Seelenleben des Menschen ist nicht an der Form des Schädels ablesbar

Ebenfalls ein Irrweg der Menschenkenntnis ist die sogenannte Psycho-Physiognomik, die im wesentlichen auf J. C. Lavater zurückgeht und in der neueren Zeit als die Lehre Huters bekanntgeworden ist. Diese Art von Physiognomik geht von der Voraussetzung aus, daß das Äußere des Schädels und der Gesichtsform das Innere des Seelenlebens widerspiegelt.

Den Schülern Huters werden so Stirn- und Nasenform, Prägung der Stirne, der Lippen, des Kinns usw. zu einem klaren und deutlichen Text, aus dem sie die Charaktereigenschaften und die Intelligenz eines Menschen abzulesen behaupten. Die phantasiereiche, durch eine recht naive Philosophie unterbaute Lehre ist die Beweise für ihre Deutungen bis auf den heutigen Tag schuldig geblieben.

Bei unvoreingenommener Betrachtung muß man zur Einsicht kommen, daß die äußeren Formen eines Menschenkopfes dem biologischen Zufall entstammen und für die seelische Wesensart nicht spezifisch sind. Das Seelische wird bestimmt durch die Erlebnisse und die Lebenseinstellung eines Menschen, durch seine Lebensgschichte, die in der Schädelform nicht vorgezeichnet ist.

Man kennt die Anekdote jener englischen Lady, die im Alter erblindete und die Gewohnheit annahm, das Gesicht ihrer Besucher abzutasten, um einen Eindruck von ihnen zu gewinnen. Eines Tages stellte man ihr den berühmten Historiker Edward Gibbon vor - die Lady untersuchte sein Gesicht und rief ärgerlich aus: «Man macht sich über mein Gebrechen lustig und bringt einen Schimpansen zu mir!» In der Tat, das Urteil der Lady war nicht so abwegig, wie man meinen möchte: Vom physiognomischen Standpunkt war Gibbon sicher kein Genie.

Ausdruckskunde darf nicht mit Physiognomik verwechselt werden

Nicht zu verwechseln mit der Psychophysiognomik ist die sogenannte Ausdruckskunde, die wissenschaftlichen Charakter besitzt und ein wertvolles Hilfsmittel der Menschenkenntnis darstellt. Hier wird von dem Grundsatz ausgegangen, daß in jeder Ausdrucksbewegung ein seelischer Gehalt liegt, der unserem Verständnis mehr oder minder unmittelbar zugänglich ist.

Im Bereich der Gestik z. B. wird niemand über die drohend erhobene Faust, die freundlich einladende Handbewegung, das ängstlich-unsichere Zögern usw. im Zweifel sein können. Die Art, wie ein Mensch geht, sitzt oder sich bewegt, ist sicherlich für ihn bezeichnend.

Unwillkürliche Bewegungen der Hände, des Kopfes oder des ganzen Körpers mögen dem Kenner manches verraten. Auch die Haltung eines Menschen ist ein Ausdruckssymbol: das Zusammensinken des Müden und Mutlosen, die Straffheit des Energischen, Kämpferischen, die starre Geradheit des Gezwungenen usw. zeigen, daß die Körperhaltung im Seelischen verankert ist und eine «Sprache spricht», die dem Einsichtigen vieles zu verstehen gibt.

Mit der Mimik verhält es sich nicht anders: der Gesichtsausdruck ist in seinen dauerhaften und wechselnden Elementen deutbar; die Nuancen des Blickes reichen von der stieren Weltverlorenheit des Geisteskranken bis zum beseelten Blick des Liebenden, der durch den Glanz seines Auges das Glück seiner Seele äußert.

Mundbewegung und Stimme geben weiteres kund, indem Auge und Mund im besonderen Sinne soziale Organe geheißen werden dürfen, weil durch sie der Kontakt mit dem Mitmenschen aufgenommen wird und darum in ihnen seinen seelischen Gehalt spiegelt.

Die Ausdrucksbewegungen eines Menschen äußern sein Lebensgefühl, seine Stellungnahme zu sich selbst zur mitmenschlichen Welt. Jedermann verfügt über ein zum Teil unbewußtes Verständnis des menschlichen Ausdrucks, und ohne weitere Überlegung reagieren wir auf das Verhalten des anderen, dessen Wesensart im Ausdruck zum Vorschein kommt.

Mit der Graphologie steht für den psychologisch geschulten Könner ein wertvolles Hilfsmittel zur Verfügung

Auf der Deutbarkeit der Ausdrucksbewegungen beruht die graphologische Analyse, die in den letzten Jahrzehnten zur Wissenschaft entwickelt worden ist und ein wertvolles Hilfsmittel zur Beurteilung des Menschen darstellt.

Die Handschrift ist eine fixierte Ausdruckserscheinung; indes Stimme, Gebärden und Mimik nur momentan faßbar sind, hinterläßt die Schreibbewegung auf dem Papier dauerhafte Spuren, die eine sorgfältige und gründliche Untersuchung ermöglichen.

Aus der Erfahrung und der systematischen Forschung haben sich Deutungsregeln ergeben, die einen hohen Wahrscheinlichkeitsgrad besitzen. So können der Verlauf und die Wesensart der Schreibbewegung psychologisch erfaßt werden.

Die ältere Graphologie begnügte sich damit, für jedes Schriftzeichen die entsprechende seelische Eigenschaft zu suchen. Diese atomisierende Betrachtungsweise geht aber in der Regel fehl, da sie bei Rezepten stehenbleibt, die im einzelnen, konkreten Fall versagen.

Die graphologische Wissenschaft der Gegenwart ist ganzheitlich orientiert: ihr Bestreben ist darauf gerichtet, die Persönlichkeit des Schrifturhebers als Ganzes zu verstehen; nur das Verständnis für das Ganze läßt den Sinn der Teile begreifen.

Vom Graphologen wird daher gefordert, daß er nicht nur die Deutungsprinzipien kennt, sondern vor allem imstande ist, aus den Schriftzügen intuitiv ein Persönlichkeitsbild zu konstruieren. Darüber hinaus muß ein Schriftexperte ein Psychologe sein, um seinen Befunden ihre eigentliche Tragweite zuweisen zu können.Man muß sich darüber im klaren sein, daß die Handschrift nur ein Behelf für die Menschenkenntnis sein kann. Ohne diese allgemeine Vorsicht wird man leicht zu Fehlschlüssen geneigt sein, von denen mitunter das Schicksal eines Menschen abhängig sein kann.

Die Aufstellung eines Charaktergutachtens aus der Handschrift, eventuell eine Analyse auf Partnerschaft usw. ist eine höchst verantwortliche Angelegenheit, die nur dem tiefenpsychologisch geschulten Graphologen anvertraut werden darf.

Psychologische Testverfahren sollen nur mit allergrösster Behutsamkeit angewendet werden

Dieser Einwand muß auch den Testverfahren entgegengehalten werden, die in letzter Zeit überhandnehmen und von manchen als besonders ergiebige Quelle der Menschenkenntnis angesehen werden. Die meisten Tests muten eher wie Spielereien an, und der phantasiefreudige Versuchsleiter gleicht mitunter den Horoskopstellern, die mit Hilfe von «so-wohl-als-auch», «teils-teils», «entweder-oder» usw. sich durch relativ unverbindliche Feststellungen nirgends ins Unrecht versetzen.

Auch die bestfundierten Testmethoden sind über eine sehr fragmentarische Bedeutung nicht hinausgekommen. Das Verlangen, «objektive und mathematische» Resultate zu bekommen, ist vermutlich von vornherein abwegig, weil das Verständnis des menschlichen Seelenlebens immer im wesentlichen auf der Intuition aufbauen muß.

Das Nachschlagen in Tabellen erweist sich als ein Hindernis für die persönliche Begegnung, jenes nahezu künstlerische Ahnen, das uns die Fremdseele in ihrer Eigenheit und Einzigartigkeit enthüllt; das Testergebnis kann mühelos «errechnet» werden, wenn man übersieht, daß derselbe Befund bei dem einen etwas ganz Verschiedenartiges beim andern bedeuten kann. «Wenn zwei dasselbe tun, ist es nicht dasselbe.»

Tiefenpsychologische Tests, wie etwa der Rorschach-Versuch, der TAT-Test usw., mögen unter Umständen gewisse Hinweise geben. Aber in allen Fällen ist es möglich, auf dem Wege des Gespräches und des persönlichen Kontaktes alle jene Ergebnisse zu gewinnen, die der Test herzugeben vermag.

Mag sein, daß der Test rascher arbeitet; aber seine Schnelligkeit bringt auch die Unzuverlässigkeit mit sich, beziehungsweise die vage Aussage, deren Unbestimmtheit niemandem weiterhilft. Oft kommt die Test-Untersuchung einer «Abstempelung» gleich, die bestenfalls vorhandene Fehler aufzeigt, aber nicht imstande ist, die Ursachen für sie anzugehen.

Das tiefste Verständnis für einen Menschen gewinnen wir aus seiner tiefenpsychologisch beurteilten Lebensgeschichte, seinen Erlebnissen und seinen Verhaltensweisen; die Test-Fachleute haben gewöhnlich weder die Zeit noch die Kenntnisse, um diesen Umstand berücksichtigen zu können, und dementsprechend sind ihre «psychotechnischen Gutachten» zumeist sehr oberflächlich oder irreführend.

Der weitverbreitete, zum Teil aus Amerika übernommene Brauch, durch psychotechnische Eignungsuntersuchungen die Charaktereigenschaften und die Intelligenz der Angestellten, des Liebespartners, des (zu wählenden) Vorgesetzten zu ermitteln, bewirkt manche Übelstände, über die man sich zu wenig Rechenschaft ablegt.

Auch das Versagen von Schulkindern wird durch die Psychotechnik häufig auf «mangelhafte Begabung» zurückgeführt, indes eine tiefenpsychologische Analyse deutlich zeigt, daß hier meistens Erziehungsfehler am Werke sind. Stellt man in Rechnung, welcher Schaden aus der unsachgemäßen Anwendung der Testmethoden erwächst, so möchte man empfehlen, von diesen gefährlichen Hilfsmitteln Abstand zu nehmen und ihre Anwendung auf einen möglichst engen Rahmen einzuschränken.

Warum sind psychotechnische Tests so beliebt?

Es bedarf sicherlich einer Erklärung, warum die im obigen kritisierten Verfahren der Menschenkenntnis trotz ihrer Unzweckmäßigkeit so beliebt sind und warum sie so viele Anhänger um sich zu scharen vermögen.

Betrachtet man die traditionellen Methoden im Hinblick auf ihr Gemeinsames, so läßt sich feststellen, daß sie alle - Astrologie, Physiognomik, Tests usw. - vom Beurteiler lediglich verlangen, daß er seine Regeln und Rezepte kennt. Er muß kaum seine eigene Persönlichkeit in die Waagschale werfen, und es wird von ihm nicht verlangt, daß er dem zu Beurteilenden auf menschlicher Ebene begegnet.

Die Bequemlichkeit dieser Verfahren liegt darin, daß man «nachschlagen» kann, was dieses oder jenes Detail bedeutet; ein echter persönlicher Einsatz, wie es ein Gespräch, ein verständnisvolles Befragen, eine menschliche Kontaktnahme voraussetzt, wird nicht benötigt.

Der bequemste Weg ist aber nicht zugleich auch der erfolgreichste. Die moderne Psychologie lehrt uns, daß der Menschenkenner sich nicht auf «objektive Methoden» verlassen darf; sein Anliegen ist ebenso künstlerisch wie wissenschaftlich, und er muss es verstehen, sich in den anderen zu versetzen, sich in ihn einzufühlen, seine Eigenart gefühlsmäßig zu erfassen.

Ohne Selbsterkenntnis keine wirkliche Menschenkenntnis

Diese Art von Menschenkenntnis bedingt die Selbsterkenntnis, denn nur wer über sich selbst Bescheid weiß, wird andere richtig beurteilen können. Die persönliche Reife des Menschenkenners gibt die Grenze an, bis zu der er einen anderen verstehen kann. Um in der Menschenkenntnis voranzukommen, muß man die eigene Persönlichkeit entwickeln.

Während man ein technisches Verfahren erlernen kann, ohne auf seine menschlichen Qualitäten geprüft zu werden, gibt es einen Fortschritt im Verständnis der Mitmenschen nur durch das innere Wachstum der Person, durch den Aufschwung in Erkenntnis und Sittlichkeit, was man etwa mit den Worten klarstellen könnte: Man muß die Menschen besser lieben, um sie besser zu verstehen.

Goethe scheint einen ähnlichen Zusammenhang im Auge gehabt zu haben, als er formulierte: «Der Mensch kennt sich selbst, insofern er die Welt und die Welt, insofern er sich selber kennt.» (Fortsetzung folgt)

Friedrich Liebling

 

 

 

 

 

 Friedrich Liebling (1893 - 1982) war Gründer und Leiter der Psychologischen Lehr- und Beratungsstelle Zürich, auch “Zürcher Schule für Psychotherapie” genannt.
Aus der Monatszeitschrift “Psychologische Menschenkenntnis”, Heft 6 Dez. 1964, S. 177 - 183
(Titel BfL)

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